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Klassik-Kanon: 44 Biografien als Einstiegsdroge

21.07.2021 Einen Kanon im Sinne eines "Klassik-Pflichtprogramms" hat der Musikjournalist und -wissenschaftler Joachim Mischke zum Glück nicht vorgelegt. Stattdessen lädt er mit einer Auswahl von 44 Komponistenbiografien zum Hineinhören und Entdecken ein: Neben den großen Namen – Bach, Mozart, Beethoven, Wagner, Händel, Schubert - finden sich Neuerer und Stilprägende (Debussy, Gesualdo, Glass, Schönberg, Ligeti), Komponistinnen wie Clara Schumann und Fanny Hensel und mit Mieczyslaw Weinberg auch eine kleine Überraschung. Jede Biografie wird auf sechs Seiten abgehandelt - meist eingeleitet von einem Zitat und einer Illustration - und schließt mit einer Auswahl von Hörempfehlungen ("Die Einstiegsdroge", "Das typischste Stück", "Für Fortgeschrittene", "Der originellste Titel").

Joachim Mischke ist mit seinem "Klassik-Kanon" ein kurzweiliges und pointiert geschriebenes Musikbuch im besten Sinne gelungen: So wird die enge Verknüpfung und Wechselwirkung von Leben und Musik beispielsweise bei Maurice Ravel deutlich und lassen Werke wie seine Klaviersuite "Le Tombeau de Couperin", die Tondichtung "La valse" oder sein "Bolero" vielleicht noch intensiver erfahren.

Joachim Mischke
Der Klassik-Kanon
44 Komponisten, von denen man gehört haben muss
ISBN 9783455010039
288 Seiten
Hoffmann und Campe


Textprobe JOACHIM MISCHKE »DER KLASSIK-KANON« S. 181 – 182 AUS DEM KAPITEL »MAURICE RAVEL«:


(...)
Maurice Ravel war klein und zartgliedrig, die französische Luftwaffe hatte ihn abgelehnt, als er sich 1914 meldete. 1915, Ravel war 40, zog er doch noch in den Krieg, als Kraftfahrer bei einem Artillerieregiment. Seine Erschütterung vertonte er in der Klaviersuite Le Tombeau de Couperin, die er gefallenen Freunden widmete. Der Tod seiner Mutter 1917 warf ihn noch weiter aus der Bahn.

Ravel war schillernd und scheu zugleich. Er kultivierte sein Dandytum, edler Zwirn, teure Schuhe, ein Genussmensch. Für eine große USA-Konzertreise ergänzte er 1928 seine Gage um die Forderung, dass immer genügend Gauloises-Zigaretten vorrätig sein müssten. Doch das exaltierte Auftreten in der Öffentlichkeit war nur eine Seite. Freunde und Bekannte hielt er dezent auf Distanz, Privates blieb privat. »Im Grunde ist meine einzige Geliebte die Musik«, sagte er. Sein kindliches – nicht kindisches – Gemüt hatte Ravel sich bewahrt und kultivierte es nur zu gern. Sein Haus in Montfort-l’Amaury, 50 Kilometer außerhalb von Paris gelegen, hatte er wie ein Nippesmuseum eingerichtet, er liebte mechanisches Spielzeug, und im Garten von »Le Belvédère« wuchsen kleine Bäumchen.

Der Großteil von Ravels Œuvre entstand in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Zu seinen faszinierendsten Frühwerken gehört das zart perlende Klavierstück »Jeux d’eau« von 1901. Sinfonien oder Kirchenmusik hinterließ er nicht. Zwei kurze Opern schloss er ab, drei Anläufe, darunter ein Projekt über Johanna von Orléans, stellte er wieder ein. Mehr als vier originäre Orchesterkompositionen hat Ravel nicht geschrieben: die Rapsodie espagnole, »La valse« und die Klavierkonzerte, alles andere waren Arbeiten für die Bühne oder Neuerfindungen von Klavierwerken. In diesem Abschnitt des Werkkatalogs bildet der mit Höchstschwierigkeiten gespickte Dreiteiler Gaspard de la nuit den Höhepunkt, eine Mutprobe für jeden Interpreten.

Die überwältigende Pracht bietet Ravel ganz besonders in Daphnis et Chloé (1912). Üppiger hat er nicht komponiert, nie länger als diese knappe Stunde. Und sinnlicher wohl auch nicht als für dieses Panorama, in dem Luft durch Musik zum Flirren gebracht wird, hinzu kommen die textlosen Chorstimmen als weitere Klangfarbe. Verglichen mit diesem Exzess, ist der einfache, aber nicht schlichte Bauplan des »Boléro« schnell erzählt: Das Solo der kleinen Trommel, ein Dreiviertelrhythmus, der Schlagzeuger in die Panik treiben kann, bildet die Grundlage für zwei Melodien, die knapp 20 Mal variiert werden. Bei jeder Variation übernehmen andere Instrumente die Melodie, die Musik wird von Runde zu Runde lauter und intensiver. Raffinierte Reibungen steigern den Effekt, indem die Themen parallel in unterschiedlichen Tonarten auftauchen. Kurz vor dem Finale lässt Ravel das Orchester, ein grandioser Trick, aus seiner C-Dur-Welt für acht Takte einen Ausfallschritt nach E-Dur machen, bevor es auf die Zielgerade einbiegt. Kleine Ursachen, gigantische Wirkung.
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Komponist in "Worlds of Music"
Klassische Musik in "Worlds of Music"