Ein anderes Tonsystem und ungerade Takte
Wenn so viele unterschiedliche Musik von türkeistämmigen Menschen in Deutschland noch immer relativ wenig Verbreitung findet, könnte der Gedanke aufkommen, dass es vielleicht Elemente in der Musik gibt, die den Zugang erschweren.
Die Tasteninstrumente bieten dagegen den Vorteil, "die gesamte Tonformung, also Tonhöhe, Lautstärke und vielleicht auch Klangfarbe, den Fingern zuzuweisen" (Elektrische Musik, S. 25.). Da der Nachteil einer Tastatur jedoch in der relativen Festlegung der Tonskala bestand, die eine mikrointervallische Tongebung nicht zuließ, wäre das Instrument wieder auf ein bestimmtes Tonleitersystem festgelegt worden, ein Umstand, der für Trautwein nicht in Betracht kam: "Ein vollkommenes Musikinstrument muß vielmehr eine solche Festlegung vermeiden, am besten dadurch, daß es sich nach Belieben jedem musikalischen Tonsystem anpassen kann" (Elektrische Musik, S. 26.). Auch eine Dynamiksteuerung durch eine Blasvorrichtung zog Trautwein in Erwägung.
Bei manchen Tonarten emanzipierte sich der ihr zugeschriebene Charakter von seiner zunächst instrumentenpraktischen Begründung: Aus dem Brauch, bei Trauermusiken alle Instrumente mit Dämpfern spielen zu lassen, erwuchs der Ruf von E-Dur, eine Trauertonart zu sein; denn mit Dämpfern gespielte Trompeten klingen einen Ton höher, sie stehen dann in E statt in D.
Die Stimmung der Instrumente ist auch in anderer Hinsicht relevant: Das abendländische Tonsystem ordnet zwölf Töne einer Oktave zu.
Musikalisch zeigt dieses Opern-Werk, wie deutlich sich Ullmann mittlerweile von der strengen Stilistik Schönbergs entfernt hatte, wie er überhaupt den radikalen Bruch mit dem klassisch-romantischen Tonsystem nicht für die geeignete Methode zum Erreichen seiner Ziele hielt.
Kann ein Pianoforte, das vielleicht wichtigste Instrument der klassischen europäischen Musik, mit einem Balaphon zusammenspielen, dem afrikanischen Xylophon, das nach einem ganz anderen Tonsystem funktioniert?
Auslöser dieser Experimente war auch ihr Faible für die reine Stimmung - ein Tonsystem, das nicht mit den vertrauten 12 Tonhöhenklassen arbeitet, sondern mit unendlich vielen kleinen Abstufungen, mit Mikrotönen, mit den natürlichen Harmonien von Klängen.
Er etablierte die wohltemperierte Stimmung als Meilenstein zur Gleichberechtigung aller Tonarten durch Angleichung der Abstände zwischen den zwölf Halbtönen unseres Tonsystems.
Diese Mikroharmonik ist aber nicht im Sinne eines Tonsystems zu verstehen und hat auch theoretisch nichts mit dem Denken der französischen Spektralisten zu tun (allerdings kann man Scelsi als klanglichen Vorläufer dieser Gruppe betrachten).